Was ich für Liebe hielt
Ich habe lange geglaubt, dass das, was ich lebe, Liebe ist. Nicht, weil es mir jemand so gesagt hat, sondern weil es sich vertraut angefühlt hat, weil mein Körper wusste, wie er sich darin bewegt, wie viel Nähe er zulässt, wie viel er aushält und an welcher Stelle er sich zurücknimmt, ohne dass es auffällt.
Ich habe dieses Vertraute nicht hinterfragt. Es war kein Gedanke, keine bewusste Entscheidung, sondern eine Selbstverständlichkeit, die ich als meine Art verstanden habe, als etwas, das mich ausmacht, als Charakter, als Persönlichkeit.
Heute sehe ich, dass es keine Persönlichkeit war, sondern eine Ordnung, die ich übernommen habe, lange bevor ich hätte wählen können, eine Ordnung, die sich nicht laut zeigt, sondern leise wirkt, durch Körper, durch Reaktion, durch das, was bleibt, obwohl es längst nicht mehr passt.
Ich komme aus einer mütterlichen Ordnung, in der Nähe alles ist, in der Verbindung gehalten wird, auch dann, wenn sie schmerzt, in der Schuld wie ein leiser Unterton mitschwingt, selbst wenn niemand sie ausspricht, und in der Liebe oft bedeutet, zu bleiben, zu halten, mitzutragen, ohne zu fragen, ob es noch stimmig ist. Bindung hat sich früh wie Sicherheit angefühlt, nicht weil sie stabil war, sondern weil sie bekannt war, weil sie vertraut war, und weil Vertrautheit oft stärker wirkt als Wahrheit, sodass Nähe wichtiger wurde als ein eigener Stand, und das Bleiben selbst dann selbstverständlich war, wenn ich mich darin verloren habe.
Gleichzeitig war da eine väterliche Abwesenheit, nicht dramatisch, nicht laut, nicht als große Geschichte, sondern als fehlende Position, als ein Ort, an dem niemand stand, niemand eine Richtung gesetzt hat, niemand gesagt hat, so und nicht anders, und aus dieser Leerstelle heraus habe ich mir Richtung gespart und Halt ersetzt, ohne es zu merken. Ich habe gelernt, Beziehungen zu regulieren, statt sie zu leben, habe Stimmungen ausgeglichen, Spannungen geglättet, Worte vorsichtig gewählt, damit nichts kippt, und habe das lange für Reife gehalten, weil es nach außen ruhig wirkte und innen doch so viel in Bewegung war.
Auch in der Geschwisterordnung habe ich meinen Platz gefunden, ohne ihn wirklich einzunehmen, habe mich verglichen, ohne mich zu messen, habe geschaut, wo ich stehe, nicht aus Kraft, sondern aus Anpassung, nicht um sichtbar zu werden, sondern um nicht aufzufallen, und ich wusste früh, wie man dazugehört, ohne zu wissen, wie man steht.
All das habe ich in Beziehungen getragen, ohne es zu benennen, habe Nähe gesucht, weil sie beruhigt, habe Schuld übernommen, weil sie mir das Gefühl gab, richtig zu handeln, und war loyal, weil Loyalität versprach, dass nichts zerbricht, selbst dann nicht, wenn ich es innerlich längst nicht mehr war.
Wenn die Gegenwart zu eng wurde, habe ich den Blick nach vorn gerichtet, habe Pläne gemacht, Bilder entworfen, ein gemeinsames Morgen gebaut, um das Heute nicht fühlen zu müssen, und auch das war kein Fehler, sondern eine Form von Schutz, die in dem Moment notwendig war und gleichzeitig nicht das Leben selbst.
Heute sehe ich, wie viele genau so leben, nicht nur in Beziehungen, sondern in Freundschaften, in Familien, in Arbeit, und ich sehe Menschen, die halten, statt zu stehen, die loyal sind, statt ehrlich, die planen, statt zu fühlen, die überleben, statt zu leben, und ich erkenne mich darin wieder, nicht mit Abstand, sondern mit Erinnerung. Ich kenne diese leise Form von Wut, die nach innen geht, weil sie nach außen zu viel wäre, ich kenne, wie Enttäuschung sich in Scham verwandelt und wie sich Selbstwert verzerrt, wenn er vom Bleiben abhängt, und ich kenne diese stille, angepasste, unauffällige Form des Überlebens, die nach außen kaum sichtbar ist und innen doch alles bestimmt. Und ich weiß, wie herausfordernd es ist, zu erkennen, dass das, was man für sich hält, kein Wesen ist, sondern ein Zustand, der so lange gehalten wurde, bis er wie Identität wirkt.
Der Moment, in dem mir das bewusst wurde, war kein Durchbruch und keine Befreiung, keine Erleichterung, sondern ein leises Erschrecken, nicht über das, was war, sondern darüber, wie selbstverständlich ich es getragen habe, ohne es je wirklich zu sehen. Ich musste nichts loslassen, ich musste erkennen, dass Halten nie meine Aufgabe war, dass Nähe ohne eigenen Stand keine Beziehung trägt, dass Loyalität ohne Wahl mich von mir entfernt und dass eine Zukunft, die die Gegenwart ersetzt, leer bleibt, egal wie stimmig sie sich anfühlt, und dass das Überleben mich einmal geschützt hat, aber mich nicht führen kann.
Ich schreibe das nicht, um etwas aufzulösen, sondern weil ich sehe, und weil dieses Sehen etwas verändert, nicht laut, nicht sofort, nicht spektakulär, sondern leise und grundlegend, dort, wo es vorher keine Worte gab.
Vielleicht ist das hier keine Kolumne, sondern ein Moment von Klarheit,
der nichts verlangt und nichts fordert, sondern einfach zeigt,
wo gehalten wird, wo geblieben wird, wo Beruhigung an die Stelle von Wahrheit tritt
und wo man sich selbst verlassen hat, ohne es zu merken.
Und vielleicht beginnt Leben genau dort,
nicht mit einem Schritt nach vorn, sondern in dem Moment, in dem man aufhört,
sich selbst zu übergehen.
Wedel, 2026
Holger Carstens